Ich möchte in diesem Beitrag vor allem über zwei alte Menschen schreiben, die bis zu ihrer Flucht in Bosnien gelebt haben. Sie stehen für viele andere aus den Regionen Europas oder anderer Kontinente, die wegen kriegerischer Ereignisse gezwungen waren, im Alter ihre Heimat zu verlassen und Zuflucht in einem fremden Land zu suchen.
Zur Zeit leben in Berlin mehr als 25.000 Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das südost Zentrum bietet ihnen verschiedene Beratungen und Hilfen in unterschiedlichen Projekten an. In betreuten Selbsthilfegruppen sprechen sie in ihrer Muttersprache über ihre Erfahrungen und Gefühle. Etwa 500 Menschen nehmen regelmäßig in kleineren und größeren Gruppen daran teil. Sie finden Erleichterung, indem sie im vertrauten Rahmen miteinander über die Ereignisse sprechen, die bei den Menschen ohne vergleichbare Erfahrungen Befremden und Angst auslösen.
Viele alte Menschen sind dabei. Vor allem sie haben große Sehnsucht, in die Heimat, in das gewohnte Leben zurückzukehren. Sie leben in einem fremden Land auf fremdem Boden. Den größten Teil ihrer Kraft und ihrer Zeit haben sie in ihrer Heimat verbraucht, dort wo sie zur Schule gegangen sind, gelernt und gearbeitet haben. Als Arbeiter, Lehrer oder als Bauern haben sie ihre Kreativität entfaltet, haben Familien gegründet, Kinder großgezogen und für das eigene Alter vorgesorgt. Sie haben für sich und ihre Kinder Häuser gebaut, Felder bearbeitet und Tiere gehalten. Damit haben sie Achtung verdient und das Recht, im Alter versorgt zu werden. Ihre Lebensfreude im Alter bestand im Erleben der Geburt und des Wachstums der Enkelkinder. Ihnen wollten sie aus ihrem Leben erzählen, wie es ihre Großeltern gemacht haben. Nützlich wollten sie bleiben und sich in einer vertrauten Umgebung auf den letzten Weg vorbereiten, dort, wo die Eltern, die Großeltern, der Ehepartner und manchmal auch ein eigenes Kind begraben wurden.
Raza und Mustafa suchen auch Unterstützung in den Selbsthilfegruppen. Sie kommen seit zwei Jahren. Anfangs war Raza sehr still. Sie saß mit verschränkten, an die Brust gedrückten Armen und schaute auf den Boden. Mustafas Stimme war schrill und laut. Er klopfte bei den Sitzungen mit dem Fuß auf den Boden. Raza hat gelernt, für einige Erlebnisse Worte zu finden, aber vieles kann noch nicht über ihre Lippen hinaus. Mustafa klopft inzwischen nicht mehr mit dem Fuß auf den Boden, seine Stimme ist ruhiger geworden.
Raza ist 66 Jahre alt. Sie wohnt seit vier Jahren in einem Hochhaus im Berliner Bezirk Kreuzberg. Dort hält sie sich meist nur zum Schlafen auf. Das Alleinsein erträgt sie nicht. Die Bilder aus dem belagerten Srebrenica, Tote, Zerstörungen, Vertreibung drängen sich auf. Bilder des Schreckens füllen den Raum aus und drohen, sie zu ersticken. Am Tage geht Raza auf die Straße und sucht die Nähe der Menschen. Sie beaufsichtigt manchmal das Kind der Nachbarin oder putzt deren Wohnung. Nachts, nach kurzem Erschöpfungsschlaf, steht sie auf dem Balkon, um freier atmen zu können. Den mit eigener Angst ausgefüllten Raum hält sie nicht aus. Die Lichter der Großstadt und des Himmels sollen Ablenkung bringen. Inmitten von Millionen Menschen ist die Einsamkeit am größten. Die sieben Etagen Tiefe ziehen nach unten. Der Gedanke an die sechsjährige Enkelin, die Raza noch nie gesehen hat, an die Tochter und an den Sohn, verhindern den Schritt über das Geländer.
Mustafa ist 73 Jahre alt. Er wohnt mit einem Sohn, der Schwiegertochter und zwei Enkelkindern im Berliner Bezirk Charlottenburg. Seine Frau wurde vor einem Jahr in Berlin beerdigt. In der Wohnung hält er sich wenig auf. Die Schwiegertochter kocht und versorgt die Kinder. Sie häkelt und sieht nicht auf, wenn ihr Mann, Mustafas Sohn, die Kinder ermahnt, ruhig zu sein. Die Gänge des großen Flüchtlingswohnheims sind erfüllt vom Lärm der Kinder und Rufen der Mütter. Manchmal schlägt ein Vater sein Kind.
Die Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten, Die Jugendlichen nicht zur Schule gehen. Sie stehen auf dem Hof, im Treppenhaus, spielen Karten oder Fußball. Den Krach hält Mustafa nicht aus. Es geht ihm wie seinen Söhnen und vielen anderen. Obwohl er herzkrank ist0, arbeitet er ehrenamtlich in einem Lager für humanitäre Hilfe. Dort trägt er Betten, Schränke, alte Kleider, Decken und Medikamente. Er sortiert die Waren und führt Bücher. Auch am Samstag geht er dorthin. Er würde sogar am Sonntag arbeiten, wenn dies möglich wäre. Die Bilder aus den Konzentrationslagern kann er nur durch Arbeit verdrängen.
Auf der Flucht zu sein, empfindet jeder Mensch wie einen Fluch. Darauf ist niemand vorbereitet. Wie man auf den eigenen Tod nicht vorbereitet ist.
Der Alltag ist normalerweise ausgefüllt von wichtigen und unwichtigen Kleinigkeiten. Diese ereignen sich in der vertrauten Landschaft, dort, wo der Mensch weiß, was der Wind vom Süden oder die Röte des Himmels im Westen bedeutet. Dort leben die Menschen, mit denen man das Leben geteilt hat, in Freude und Trauer, die Familie, die Freunde, die Nachbarn. Dort versteht jeder die Geste und den Gesichtsausdruck. Seine Wurzeln sind dort verflochten im natürlichen Wechsel der Generationen. Dort fängt alles an, dort sollte es eines Tages enden. Dieser Tag liegt in ferner Zukunft. Man fürchtet ihn genau wie man die Zeit der körperlichen Schwäche oder Krankheit fürchtet. Deshalb sorgt der Mensch vor. Er arbeitet für die Rente, wenn er in der Stadt lebt; auf dem Lande wird er später von den eigenen Kindern versorgt. Hier erlebt er ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Darin eingebettet ist es leichter, zu erleben wie der eigene Körper altert und schwächer wird und damit das Ende immer näher kommt, und die Angst allein zu sein, immer größer wird.
Auch für Menschen, die körperlich unversehrt bleiben und ihre Angehörigen nicht verlieren, verändert der Krieg das ganze Leben. Plötzlich, unerwartet und unvorbereitet, ohne wirklichen Grund wird ihnen Gewalt und Unrecht angetan. Um zu überleben, um Angst, Erniedrigung und Scham auszuhalten, werden alle Kraftreserven mobilisiert.
Für die vom Leben ohnehin schon schwer belastete Schulter alter Menschen ist der Schrecken dieser Erlebnisse erdrückend. Der Krieg zerstört das Staats- und Gesellschaftssystem, das sie lebenslang geprägt hat, er zerstört die materiellen Werte, die sie in Jahrzehnten erworben haben und menschliche Beziehungen, in die sie eingebunden waren, alles was mit viel Mühe, Entbehrung und Liebe aufgebaut wurde. Er zerstört alle Pläne, Wünsche und Hoffnungen. Der alte Mensch verliert die erworbenen finanziellen Sicherheiten und Ansprüche, er verliert seine Rolle, Autorität, Position und Geborgenheit in der Familie und in der Gesellschaft.
30 Jahre lang hatten Raza und ihr Mann an Haus und Hof gebaut. Gemeinsam haben sie auf dem Grundstück der Schwiegereltern die Fundamente ausgehoben und sich über jedes fertige Stück gefreut. Eine große Terrasse unter dem Walnußbaum war der Ort, wo sie mit Familienangehörigen und Freunden Feste gefeiert, gegessen und gesungen haben. „Ich zog mein bestes Kleid an und tanzte so gerne mit meinem Mann.“
Razas Ehemann starb nach einem Herzinfarkt, als die ersten paramilitärischen Einheiten durch Srebrenica zogen. Sie trugen die Symbole der Einheit, die im Zweiten Weltkrieg vor seinen Augen seinen älteren Bruder und den Vater getötet hatten. „Er hat gesehen, was kommen wird. Wir sollen alle fliehen, das waren seine letzten Worte,“ sagt Raza. „Wohin sollte ich mit der neunzigjährigen Schwiegermutter fliehen? Und warum sollte jemand uns etwas antun? Die Nachbarn blieben ja auch. Und alle sagten, daß sie keinen Krieg wollten. Warum sollte ein Krieg am Ende des 20. Jahrhunderts unter zivilisierten Menschen ausbrechen? Gerade in Europa, nach den Erfahrungen des Holocaust?“
Razas Haus, umgeben von Obstbäumen auf der einen und der Stall auf der anderen Seite des Forellenbaches brannten am 11. Juli 1995 vor ihren Augen ab. Die Kuh konnte sie aus dem Stall hinausführen. Unter einem Pflaumenbaum, der von einer Granate zerfetzt wurde, wurden auch sie getroffen. Razas Arm schmerzte. Die Kuh blutete am rechten hinteren Bein. Der Strahl spritzte zum Boden und bildete eine rote Pfütze. Sie vermischte sich mit der weißen Milch, die aus dem getroffenen Euter ebenfalls zu Boden spritzte. „Riesige Tränen rollten aus den großen Augen. Die Kuh zitterte vor Angst wie ich selbst. Vor den anrückenden Soldaten, die um sich schossen, rannte ich durch das Beet duftender weißer Lilien zum Stadtzentrum. Die Kuh stand noch auf den Beinen, als ich mich zum letzten Mal umdrehte. Ich konnte ihr nicht helfen. Überall Flammen, Schreie ...“
Die Schwiegermutter verhungerte im März l994, zwei Jahre nach Ausbruch des Krieges. Raza begrub sie nachts im Garten vor der Tür. Auch in dieser Nacht fielen Granaten „wie Hagel“. Unter ihnen verschwand Razas Hoffnung, dort eines Tages den Enkelkindern alte Märchen zu erzählen oder Lieder beizubringen. Mit den anderen Frauen wollte sie nun alles besprechen, was im Leben passiert war, wie es die Frauen im Ort schon immer gemacht haben. Mit Kaffee im Garten im Sommer oder im Haus mit Handarbeiten im Winter. – Was hätte sie bloß alles erzählen wollen!
So gerne hätte sie ihre Geburt und ihr Wachsen miterlebt. Die Enkelin wächst in Sarajevo auf, das Kind des Sohnes wird in Tuzla geboren. Beide Kinder sind arbeitslos und können für Raza nicht sorgen. In den kleinen Wohnungen ist auch kein Platz. Nach Hause, nach Srebrenica kann sie nur aus Trotz, die politische Lage dort erlaubt die Rückkehr noch nicht noch nicht. Außerdem „Die Häuser sind abgebrannt, die Erde voller Leichen. Wo soll ich etwas pflanzen“.
Mustafa erzählt von seinem großen Haus, wo Platz für so viele Menschen war. Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Krankenpfleger und arbeitete im Krankenhaus in seiner Stadt Brcko. Er heiratete eine Arbeiterin. Fünf Kinder wurden ihnen geboren. Mustafa war ein strenger und fürsorglicher Vater; allen Kindern ermöglichte er ein Studium. Zeit seines Lebens arbeitete Mustafa ehrenamtlich in der Jugendorganisation. Dort organisierte er Arbeitseinsätze für den Wiederaufbau des Landes, Ferienaufenthalte und kulturelle Aktivitäten. Die ehrenamtliche Arbeit setzte er als Rentner fort. Er reiste viel mit den Jugendlichen und mit der Familie. Er war sehr angesehen, wurde geehrt und ausgezeichnet. „Mich hat nur das Leben interessiert. Ich wollte ein gutes Beispiel sein.“.
Raza und Mustafa fühlen sich betrogen. Beide hatten schon einen Krieg durchlebt, beide haben fest geglaubt, daß er nie wieder kommen würde, daß ihre Kinder so etwas nicht erleben dürfen.
Nun steigen Erinnerungen an das Dröhnen der Granaten in jenem Krieg, die alte Angst, wieder auf. Sie vermischten sich mit den frischen Erlebnissen zu einem Bild, das den Alltag erfüllte. Alles, was schön und wichtig war – die Liebe, die Hochzeit, die Kinder, die Feste, das Haus, der Garten, die Freunde, Jahrzehnte des Lebens – scheint sich zurückzuziehen und in einen blasse Erinnerung zu verwandeln. Mit schmerzender Gewalt drängen sich Kriegsbilder mit ihren Schrecken auf, mit der Angst, der Verzweiflung und der Trauer, mit Wut und Haß. Fünf Jahre Krieg als Kind und vier Jahre Krieg als Erwachsene bestimmen jetzt ihre Gedanken und Gefühle.
Raza war noch ein Kind. Der Vater war 25 Jahre alt, als er vor der Haustür von Cetniks erschossen wurde. Die Mutter floh mit den drei Kindern in den Wald. Raza war mit neun Jahren die Älteste. Andere Frauen und Kinder versteckten sich auch hier. Sie schliefen auf dem Boden, aßen Buchenblätter und tranken aus den Pfützen. Manchmal schlich die Mutter nachts in die Dörfer, um Lebensmittel zu erbetteln. Weinen durften sie nicht, hat die Mutter immer gesagt, und auf keinen Fall das Versteck verlassen.
Vom April l992 bis zur Vertreibung im Juli 1995 erlebte sie als Erwachsene gleiche Situation – Hunger, Buchenblätter, Granaten, Tod, Angst.
Auch bei Mustafa scheint der Krieg alle Gedanken und Gefühle überschattet zu haben. Die Einigkeit der Menschen nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, ihre Bereitschaft trotz aller Wunden aufzubauen und ein besseres Leben für die eigenen Kinder zu schaffen, hatte er mit den anderen jahrzehntelang erlebt. Im Gesetz stand es, bei allen Versammlungen wurde es betont und in allen Schulen gelehrt, daß das Böse besiegt und Frieden, Gleichberechtigung und Freiheit für immer und für alle erkämpft worden sind. Mustafa hatte doch in den internationalen Brigaden selbst die Autobahnen, Eisenbahnlinien und Parkanlagen mitgebaut.
Zwei Kriege aus unterschiedlichen Zeiten verschmelzen nun miteinander. Alte Wunden brechen auf und alles Verdrängte kommt an die Oberfläche. „Wofür sind so viele Menschen damals gefallen? Wozu haben wir das Land damals wieder aufgebaut, warum so viel Begeisterung hineingelegt?“ Die Stimme kreischt und der Körper zittert, wenn Mustafa versucht, zu beschreiben, was aus dem Kopf und der zusammengezogenen Brust hinaus will.
Damals floh er, als der Einberufungsbefehl zugestellt wurde. Zwei Monate später wurde er von Ustasa vom Dachboden des Hauses seiner Tante ins Konzentrationslager Jasenovac verschleppt. „Schwarz gekleidet waren die Soldaten damals wie heute“. Zwei Jahre war er im Lager. Er überlebte Folter. Er mußte zusehen, wie andere gefoltert, erschlagen und erschossen wurden.
„Nie wieder“, dachte er, als der Krieg endete. „Vergessen und leben.“, wollte er wie Raza. Wie alle Menschen, die den Krieg überlebt haben. Ihre ganze Kraft lenkten sie darauf. Daß der Krieg wiederkehren könnte, war undenkbar.
Durch stete Aktivität versucht Mustafa, der Erinnerung zu entfliehen. Zwei Kriege verschmelzen in eine offene Wunde. Jahrzehnte des Lebens in Frieden scheinen nie dagewesen zu sein. Enttäuschung und Verzweiflung werden durch das Alter verstärkt. Damals war ich allein und jung. Mit den Kindern kam die Hoffnung wieder. Das Leben konnte neu beginnen. Nun mußte ich zusehen, wie meine Kinder gefoltert wurden und ich konnte ihnen nicht helfen. Wir haben es überlebt, aber Hoffnungen habe ich nicht mehr.“
In diesem Krieg wurde Mustafa mit seiner Frau, den beiden Söhnen, den Schwiegertöchtern und den fünf Enkelkindern in seinem großen Haus eingesperrt. Fenster und Türen wurden von außen vernagelt, bewaffnete Männer standen vor dem Haus. Nach einer Woche drangen sie ein und nahmen beide Söhne mit. Mustafa sprang in der Morgendämmerung aus dem Toilettenfenster und ging zum Polizeichef. Er wird helfen, dachte Mustafa. Sie waren Freunde, haben viele Feste miteinander gefeiert. Der Vater des Polizeichefs wurde damals in Jasenovac ermordet. Mustafa hatte die Nachricht an Frau und Kinder überbracht und ihnen nach dem Krieg geholfen.
Er ließ Mustafa abführen. „Ganz verwandelt war er, warum ich noch lebte, fragte er.“ Auf dem Boden der großen Lagerhalle im Hafen von Brcko lagen blutüberströmt unzählige Männer und Frauen. Niemand hob den Kopf, als er auf sie gestoßen wurde. Seine Söhne erkannte er erst nach Tagen. „Ich weiß nicht, wie ich das überlebt habe“. Scheinerschießungen der Söhne, Erschießungen von Verwandten und Freunden. Folter. Schreie. Zwei Schwiegersöhne haben das nicht überlebt. „Wer soll dabei nicht verrückt werden.“
Die Jüngeren, Mustafas Söhne und Töchter, wollen das Leben neu beginnen. Am liebsten blieben sie in Berlin, wo sie Freunde gefunden, die Sprache gelernt haben, wo Kinder zur Schule gehen. Den unsicheren Status, die erzwungene Untätigkeit, die stetige Gefahr der Abschiebung halten sie nicht mehr aus. In einigen Wochen werden die Söhne nach Kanada auswandern, zwei Töchter sind mit ihren Kindern in den USA, eine ist in Australien. „Nie werde ich meine Kinder wiedersehen“, fürchtet Mustafa. Nein, dorthin wird er ihnen nicht folgen. „Wofür auch.“
Junge Menschen finden sich in der Fremde schneller zurecht. Vorausgesetzt sie haben die rechtliche Möglichkeit dazu, bauen sie an einem neuen Ort ein neues Leben auf. Dann haben sie eine Zukunft.
Alte Menschen stehen meist verzweifelt in der Zwischenstation, aus der kein Weg in die Zukunft führt. Ihre Kräfte sind verbraucht. Ihre Sicherheit ist unwiderbringlich verloren- gegangen. Besonders bei ihnen wächst nach dem Krieg
die Zahl der körperlichen und psychischen Erkrankungen und Todesfälle. Die rechtliche Unsicherheit in der Fremde läßt den Wunsch nach einem Grab in der Heimat immer größer werden. Aus diesem Grunde kehren trotz ungeklärter Lage in der Heimat, trotz aller wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten, sehr viele alte Menschen ohne Angehörige nach Bosnien und Herzegowina zurück. Dort wird zumindest ihre Sprache gesprochen.
Während die Kinder und junge Menschen eine neue Sprache ganz schnell lernen und sich der neuen Kultur anpassen, ist dies für alte Menschen kaum möglich. Dabei ist auch ihre Herkunft, Bildung und Sozialisation entscheidend.
Die Städter finden sich in der Fremde leichter zurecht. Sie sind gewohnt, Verkehrsmittel zu nutzen. Eine Ausbildung hilft, sich leichter anzupassen und Ablenkungen und Möglichkeiten zu finden, die Zeit zu verbringen. Einige sprechen eine fremde Sprache, sie lesen Zeitungen oder Bücher und suchen Kulturveranstaltungen auf. Dennoch leiden alle am Verlust ihrer gesellschaftlichen Stellung. Der Verlust ihrer Arbeit, der beruflichen Position und der daraus resultierenden Anerkennung, bedeutet für diese Menschen eine Entwertung und den Verlust der Identität. Alle sind jetzt nur noch Flüchtling. Alles, was sie waren, ihr Beruf, ihr Wissen, ihre Kompetenz zählen nicht mehr. Sie nützen niemandem.
So lebten in Berlin als Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina in den Jahren 1993 bis 1995 mehr als 40 Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen. Trotz großen Bedarfs bekam keiner von ihnen eine Erlaubnis, auch nur die Flüchtlinge aus der eigenen Heimat zu behandeln. Das gilt auch für andere Branchen. Die meisten dieser Fachleute, denen man normalerweise hohe Gehälter zahlt, sind in Drittstaaten (Kanada, USA, Australien) ausgewandert.
Für die Menschen vom Lande, kommt zu allen Verunsichernden die Angst vor der großen Stadt. Sie haben keine Fremdsprache gelernt, einige haben auch nie eine Schule besucht. Sie sind nicht daran gewöhnt, weite Wege selbständig zu machen. Daher müssen sie häufig auf fremde Hilfe zurückgreifen. Mehrere Besucher unserer Selbsthilfegruppen werden von ihren Kindern oder Nachbarn zu Gruppensitzungen gebracht.
Viele von ihnen haben in patriarchalen Großgemeinschaften gelebt, in denen sie nie allein waren und alle Aufgaben mit anderen geteilt haben. Männer haben die Familie repräsentiert und finanziell für sie gesorgt. Frauen waren für Haushalt und Kinder zuständig. Der Alltag wurde mit vielen Verwandten geteilt, jeder war nur für einige Lebensbereiche zuständig.
Im Krieg wurden nicht nur Häuser zerstört. Viele Männer wurden getötet, viele Frauen haben nicht nur den Beschützer, sondern auch den Ernährer verloren. Häufig haben nur Großeltern und Kinder überlebt. Die Großeltern, manchmal auch nur die Großmütter, sind mit der Erziehung und dem Leben in der fremden Umgebung überfordert.
Ohne Heimat, ohne vertraute Menschen in einem fremden Land schwach und allein zu sein, Flüchtling zu sein, führt, besonders bei alten Menschen, in tiefe Resignation. „In meinem Haus wohnen meine Peiniger. Mein Körper schmerzt, da findet die Seele keinen Halt“, sagt Mustafa. Religiosität ist dann für viele eine persönliche und gesellschaftliche Stütze. Der Besuch einer Kirche oder Moschee, wird zum Ort der Begegnung und des Trostes.
Der restriktive Umgang mit den Menschen, die in Deutschland als Flüchtlinge Schutz finden, ist der Öffentlichkeit gegenüber schwer erklärbar. Niemand ist freiwillig Flüchtling. Die Menschen möchten nach Kriegsende in ihre Heimat zurückkehren. In keinem anderen Staat der Europäischen Union werden die Flüchtlinge jahrelang in einem der Duldung vergleichbaren Status gehalten. Duldung heißt: vorübergehende Aussetzung der Abschiebung, Bewegung nur innerhalb des aufnehmenden Bundeslandes, keine Privatwohnung, keine Arbeit, keine Ausbildung. Auch wenn Deutschland mit der Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge an vierter Stelle in Europa steht, ist dies kein Grund für teilweise menschenunwürdige Behandlung. Es ist so häufig vorgerechnet worden, daß es teurer ist, Flüchtlinge so zu behandeln, als nach der gesetzlichen Regelung zu verfahren und für die Dauer des Krieges ein übliches Aufenthalts- und Arbeitsrecht zu gewähren. Wider besseren Wissens wird von einigen Politikern der Eindruck vermittelt, diese Menschen seien eine untragbare Last. Sie werden zum Hauptproblem dieser Gesellschaft hochstilisiert, hinter dem die eigentlichen Probleme des Landes – Arbeitslosigkeit, leere Staatskassen, Übergriffe rechtsradikaler Jugendliche – versteckt werden. Die restriktiven Verordnungen sollen das Leben der Flüchtlinge in Deutschland unangenehm gestalten, damit keine Neuen kommen und diese gehen. Auch dann, wenn es für den Staat teurer ist, wird den Menschen nicht erlaubt, selbst für den eigenen Unterhalt zu sorgen oder eine preiswertere Wohnung zu beziehen. Die Fantasie beim Erfinden neuer Schikanen nimmt kein Ende. Das neue Sozialhilfegesezt ermöglicht jedem Land und jeder Gemeinde, eigene Regelungen einzuführen. Meistens fallen sie zu Lasten der Würde und des Sicherheitgefühls von Flüchtlingen. Einige Bezirksämter in Berlin geben nach Empfehlung der Sozialsenatorin anstelle des Bargeldes Chipkarten aus, mit denen Flüchtlinge nur in bestimmten Geschäften an häufig weit entlegenen Orten eingekaufen dürfen. Lange Wege und schweres Tragen treffen die Alten besonders hart. Die abweisende politische Stimmung den Flüchtlingen gegenüber führt dazu, daß auch die Angestellten dieser Geschäfte häufig unaufgefordert Kontrollfunktionen übernehmen. „Meine Zigaretten konnte ich in den letzten zwei Monaten, seitdem ich die Chipkarte habe, dreimal nicht einmal mit Bargeld bezahlen. Die Verkäuferin sagte, sie kenne mich, ich sei doch ein Flüchtling und dürfte mir von der Sozialhilfe keine Zigaretten kaufen,“ sagt Mustafa. „Früher schlief ich nächtelang keinen Augenblick, bevor ich zum Sozialamt oder zur Ausländerbehörde mußte. Jetz schäme ich mich, ins Geschäft zu gehen. Jeder Käufer erkennt mich, einige sagen, ich lebte auf ihre Kosten“berichtet Raza.
Jede Verschärfung der Verordnungen entwertet die Flüchtlinge als Menschen zusätzlich in ihren eigenen Augen und in denen der deutschen Bevölkerung. Auch Äußerungen, z.B. eines Innensenators, „die Flüchtlinge sollen lieber zu Hause die Hand anlegen als hier die Hand aufhalten“, oder „sie sollten ihre Heimat aufbauen, wie wir es getan haben“, veränderten die meist freundliche und aufgeschlossene Stimmung der Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen.
Abweisende Stimmung drückt sich dann durch viele kleine Schikanen überall dort aus, wo im Alltag Deutsche und Flüchtlinge zusammenkommen. Das betrifft insbesondere die wichtigsten Behörden: Sozialämter und Ausländerbehörden.
„Früher hatte ich einen Termin beim Sozialamt und kam gleich an die Reihe.“ Beim letzten Mal kam Mustafa um neun, wie bestellt. Er wurde hineingerufen und stand ohne eine Erklärung eineinhalb Stunden vor dem Schalter. Dann wurde er ins Wartezimmer geschickt. Um 14.30 Uhr wurde er wieder zum Schalter gerufen. Es wurde ihm mitgeteilt, daß eine weitere Bezahlung der Monatsfahrkarte und der 120,-DM monatlich (2,-DM pro Stunde für die ehrenamtliche Arbeit im Lager) eingestellt werden. Er sei zu alt und zu schwach für eine Arbeit. Eine solche Vorschrift existiert jedoch nicht. Mustafa geht weiter arbeiten, „um leben zu können“, die Fahrkarte bezahlt er von 80,-DM Bargeld. Es bleiben ihm monatlich 32,-DM in Bar und 260,-DM als Chipkarte.
Solcher Umgang erhöht die Zerrissenheit zwischen der Dankbarkeit für die rettende Aufnahme im fremden Land und den Erniedrigungen, die sie aushalten müssen. In einigen Bezirken stellten die Sozialämter jegliche Zahlungen ein. Die Flüchtlinge werden von Großbetrieben mit Fertigessen ernährt. Das nimmt ihnen die letzte mögliche Beschäftigung - Besorgung und Zubereitung des Essens.
Mit dem Gefühl, auch am Zufluchtsort unerwünscht zu sein, verstärken sich Ungewisheit, Verbitterung und Ausweglosigkeit. Die Angst wird zum ständigen Begleiter. Dabei besteht die Gefahr, daß Traumata reaktualisiert werden. Die Zahl der psychischen und körperlichen Erkrankungen und Todesfälle wächst besonders bei alten Menschen. Jede Begegnung wird als Gefahr angesehen.
Raza wurde in ihrem Apartment von Polizeibeamten aufgesucht. „Alles war wieder da, als ich ‚Raus!‘ hörte. Ich sah plötzlich die knienden Männer mit nacktem Oberkörper, mit Händen im Nacken, die Jungen, die in überfüllten Bussen abtransportiert wurden. Ich hörte das Schreien der verschleppten Frauen, den Himmel über Potocari, wo vier Tage und vier Nächte die Uniformierten das Unaussprechbare anrichteten.“
Nicht ein Wort wollte über Razas Lippen, sie zitterte nur. Die Polizeibeamten gingen. Nächtelang schlief Raza nicht.
Einige Tage danach, bei der Verlängerung der Duldung, reichte eine junge Beamtin bei der Ausländerbehörde Raza den Paß. Raza glaubte, daß sie ‚raus'gesagt hätte, also daß sie abgeschoben werden soll. Die Tränen und das Zittern konnte sie nicht unterdrücken. Die junge Frau kam um den Tisch herum und umarmte Raza. Beide Frauen schwiegen und weinten. „Nach Haus, habe ich dann verstanden“ erzählt Raza immer wieder. „Daß mir so etwas an dem Ort, den wir alle fürchten, passieren konnte, ist mein schönstes Erlebnis in Berlin.“
Dieses ist gewiß weder bei Behörden noch an anderen Orten ein Einzelfall. Kleine menschliche Gesten, freundliche Kontakte und Begegnungen helfen den Flüchtlingen, etwas Sicherheit zu gewinnen.
Der Krieg, präsent in den flimmernden TV-Bilder in jedem Zimmer, macht allen Menschen Angst. Außerhalb von Gefahrensorten, ermöglichen Kontakte zu Überlebenden eine Auseinandersetzung mit Situationen der Bedrohung, in denen Menschen, versetzt in Angstzustand, manipulierbar werden. Das kann helfen, die gegenwärtigen Ereignisse wie die Vergangenheit des eigenen Landes, ja der eigenen Familie, zu begreifen und leichter hinzunehmen. An Stelle eines passiven beobachten, Angst und Lähmung, entsteht aktieves Handeln. Das Bewußtwerden der Ursachen der Gewalt, Ansgt und Traumatisierung sollte zur Entwicklung von Präventionsmaßnahmen dienen, die rechtzeitig Konflikte lösen helfen. Denn die Entwicklung im ehemaligen Jugoslawien zeigt beispielhaft, daß immer noch nicht gelernt wurde, wie Kriege zu vermeiden sind. Die drohende Eskalation wurde nicht ernst genommen.
Wie die Beispiele von Raza und Mustafa zeigen, wird die Gefahr der Eskalation der Gewalt allgemein nicht ernst genommen, auch nicht von Menschen, die einen Krieg überlebt haben. In einer Welt, in der Wohlstand die größte Verdrängung ermöglicht, ist die Anwesenheit der Flüchtlinge eine Chance, die Situation in anderen Regionen besser zu verstehen und im Bewußtsein der Gefahren verantwortungsvolles Handeln für die eigene und für andere Regionen unserer Welt zu entwickeln. Dies gilt für jeden Menschen, auch für Politiker. Es wäre wünschenswert, wenn beim Zusammenwachsen Europas, Flüchtlinge in Deutschland so freundlich und angstfrei wie in nordeuropäischen Staaten behandelt würden.
Auch in Deutschland haben viele Menschen bittere Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges bis heute nicht verarbeiten können. Einige Zeugen der Vertreibung aus der angestammten Heimat leben noch. Die Sehnsucht nach dem eigenen grünen Kupferdach oder dem großen Lindenbaum auf dem Hof in Schlesien oder Pommern ist immer noch lebendig. Was es heißt, vertrieben zu werden, können diese Menschen sehr gut nachempfinden. Vielleicht ist dies ein Grund für die große Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland, die von den Politikern bewußt nicht ausreichend gewürdigt wird. Eine Solidarisierung der deutschen Bevölkerung mit den Flüchtlingen könnte der repressiven Politik entgegenwirken.
Dabei ist gerade jetzt eine Solidarisierung dringend notwendig. Für die Menschen, die unter uns leben, können menschliche Kontakte, Begleitung zum Arzt, zu Behörden, gemeinsame Spaziergänge den unsicheren Boden beruhigen helfen und die Rückkehr zum menschenwürdigen Leben erleichtern. Kleine finanzielle Unterstützung besonders für die bedürftigen alten, kranken Menschen können in den Kriegsregionen das Überleben sichern.
Was für uns gestern die Care-Pakete waren, könnten heute Patenschaften für Flüchtlinge heißen.
Berlin, im Juni 1999
Bosiljka Schedlich
Geschäftsleitung