südost Europa Kultur e.V.

Die Beziehungen von Frauen und Männern zum Militär am Beispiel meiner Familie

Meine Ururgroßmutter blieb allein mit dem einjährigen Sohn, als ihr Mann im Krieg fiel. Als Flüchtling be­kam sie ein Stück Land. Sie zog den Sohn auf und legte im kargen dalma­tinischen Karst kleine Felder an, sie hielt Schafe und andere Haus­tiere.

Meine Urgroßmutter blieb auch alleine, als ihr Mann im Krieg fiel. Sie zog ihren Sohn auf, meinen Großvater, den sie früh ver­heiratete, damit es genug Hände für die harte Arbeit gab. Der Großvater mußte mit 18 Jahren bei der italienischen Armee die­nen. Währenddessen verstarb seine Frau an einer Lungenent­zündung, nachdem sie von morgens bis abends mit der Sichel den Weizen gemäht und sich übermüdet am Dorfbrunnen mit kaltem Wasser gewaschen hatte. Als der Großvater zurück­kam wurde er von seiner Mutter zum zweiten Mal verhei­ratet. Da aber die Regierung wechselte, mußte er erneut für fünf Jahre zum Militär, diesmal diente er bei den Österreichern. Dort lernte er schreiben, lesen und deutsch, was sich später im Bergdorf als nützlich erwies. Nützlich war sein Fortbleiben für seine zweite Frau nicht. Sie starb in einem Sommer, nachdem sie auf dem Feld gearbeitet und dort ihr Kind geboren hatte. Kurz danach verstarb auch meine Urgroßmutter. Nach der Rückkehr zog der Großvater die beiden Töchter auf, hielt Tiere und bearbeitete das Feld. Er wurde Dorfältester und schrieb alle Testamente und Kaufverträge aus. Die Töchter hei­rateten und zogen fort. Der Großvater, inzwischen 70jährig, heiratete zum dritten Mal.

Die Großeltern bekamen nun einen Sohn, meinen Vater. Gerade 16jährig wurde er mit mei­ner Mutter verheiratet. Sie bekamen zwei Kinder. 1941 begann der Krieg. Der Vater wurde eingezo­gen. Nach zwei Monaten floh er zu seiner Familie zu­rück, denn ohne ihn konnte sie nicht leben. Weil er in keine Armee wollte, wurde er gefangen und zum Erschießen zu einem Karsteinbruch geführt. Meine Mutter konnte ihre Nachbarn überreden, ihren Mann freizulassen. Sein Onkel und seine beiden minderjährigen Söhne konnten nicht gerettet werden. Nach einer zweiten Fest­nahme zur Erschießung floh mein Vater zu den Partisanen und kämpfte.

Meine Mutter und meine Großmutter hüteten die Tiere und bear­beiteten das Feld. Der rheumakranke Großvater lag auf dem Bett neben dem offenen Kamin.

Soldaten verschiedener Armeen zogen durch das Dorf und nah­men die Tiere, den Weizen und die Kar­tof­feln weg. Hunger. Deutschen Soldaten kamen. Die Frauen flohen zum einzigen Mann, meinen Großvater. Als die Solda­ten sich an die Frauen heranmachen wollten, sprach der Großva­ter zu ihnen. Sie lie­ßen von den Frauen ab. Bis heute weiß niemand, was er in deut­scher Sprache gesagt hat. Im Nachbar­dorf wurden alle Frauen und Kinder in die Dorfkirche getrieben und dort verbrannt. Eine Tochter des Großvaters und ihre vier Kinder waren dabei. Der Großvater starb.

Als der Krieg endlich zu Ende und der Vater wieder da war, hofften meine Großmutter und meine Mutter auf eine Erleichte­rung durch seine Hilfe. Sie kam aber nicht, der Krieg hatte den Vater verändert. Er war nun leicht aufbrausend, wie die anderen Männer, die den Krieg überlebt hatten. Er zog in die Stadt, um in einer Fabrik zu arbeiten und den Kindern eine Schulbildung und ein leichteres Leben zu bieten. Die Kinder fürchteten den Vater. Seinen Blick – voller Trauer, Verzweiflung, Angst und Gewalt – behielt er bis an sein Lebensende. Über den Krieg sprach er nie. Die Frauen im Dorf sprachen ständig über die Zeit des Schreckens. Die Großmutter verstarb. Kurz vor dem Aus­bruch des neuen Krieges verstarb meine Mutter. Sie war voller Trauer, weil keines ihrer Kinder ihre Fel­der bearbeiten wird.

Durch den Fortgang der Menschen aus den Dörfern scheint diese Welt meiner Kindheit, in der man sich kein Glas und kein Me­tall leisten konnte und Gebrauchsgegenstände aus Holz wa­ren, unterzugehen. Nach dem Besuch am Grab der Groß­eltern und Eltern, fand ich neulich zwischen den Platten des steinernen Daches unseres Hauses doch Metall: eine Pistole aus der italie­nischen und ein Bajonett aus der österreichischen Mili­tärzeit.

Ich sitze in Berlin und begegne täglich Über­lebenden des neue­sten Krieges. Meistens Frauen und Kindern. Ohne Feld, ohne Heim und Heimat sorgen sie für die Kinder. Sie schweigen. Über Schüsse, Rauch und Explosio­nen, über Blut und Schreie, über Flüsse voller Leichen, über Lager, in denen sie mißhandelt und vergewaltigt wurden, über die Kinder, die ihnen entrissen wurden, reden sie nicht. Sie reden höchstens über allnächliche Alpträume, über die Kugel im Bauch, über Schmerzen, über die Angst, die sie nicht mehr verläßt.

Unter den Überlebenden Frauen sind einige, deren Blick mir sehr ver­traut ist. Wie die Männer, die gekämpft haben, haben auch sie den Blick meines Vaters. Sie haben Eisen benutzt und spüren die Erde unter den Füßen nicht. Darüber sprechen sie nicht.

Ich beginne zu verstehen, warum die Augen so vieler einsamer alter Frauen vom Weinen gerötet waren, vor 30 Jahren, als ich in diese Stadt kam. Ihre Felder von denen sie vertrieben, ihre Häuser, die ausgebombt, ihre Männer, die tot waren, das Ende im Schrek­ken, findet keine Worte.

Berlin, im März 1998

Bosiljka Schedlich

Geschäftsleitung