Es ist bekannt:
- Kriege wurden überall geführtDie äusseren Wunden sind sichtbar und werden behandelt. Mit Salben und Prothesen. Auch die Häuser, die Strassen, die Betriebe, das Staatssystem müssen wiederaufgebaut werden. Und das geschieht.
Für die inneren, psychischen Wunden, für die Angst, für das verlorene Vertrauen, für die Scham- und Schuldgefühle gibt es keine Salben und keine Prothesen. In der Seele lebt der Krieg auch nach dem Krieg unsichtbar weiter. Das Lager, die Front, die Fluchtkolonnen sitzen stets mit am Tisch, sie begleiten die Spaziergänge, sie besetzen die Träume. Wenn darüber nicht gesprochen wird, wird das Gift der seelischen Wunden in Zellen eingekapselt. Von dort streut es langsam und unsichtbar in den Alltag hinein. Einige Menschen erkranken daran, einige sterben, einige halten es nicht aus und nehmen sich das Leben. Dieses Gift lässt die Welt immer etwas fremd erscheinen, und es überträgt sich unbewusst auch auf die nachfolgenden Generationen. Bei seelischen Erschütterungen, wenn die Gesellschaft aus den Fugen gerät, wenn Krisen auftreten, platzen die Wunden und das Gift wirkt schnell und heftig. Das alte, nicht verarbeitete Gift vergrößert Angst,Panik und Unsicherheit, es erleichtert die Gleichschaltung der Gruppen und den Ausbruch neuer Kriege.
Um wieder Vertrauen zu gewinnen, um leben zu können, um die Traumata nicht auf die Kinder zu übertragen, brauchen die Überlebenden folgendes:
Diese Forderungen sind nicht neu, sie sind bereits bei der UNO festgeschrieben. Werden sie nicht umgesetzt, können die Überlebenden ihre Traumata nicht verarbeiten, sie können das Vertrauen in sich und in die menschliche Gesellschaft nicht wieder herstellen.
Seit einiger Zeit setzt sich das Wissen um diese Vorgänge auch in unserer Gesellschaft langsam durch. Nach den Unfällen (Eschede), nach Katastrophen (Lawinenunglück) oder nach schweren persönlichen Erlebnissen (Reemtsma-Entführung), werden die Betroffenen und ihre Angehörigen psychologisch betreut. Auch bei der Bundeswehr werden Psychologen eingesetzt für deutsche Soldaten, die in Kriegsregionen zum Einsatz kommen.
Die Innenminister der Bundesrepublik haben mehrmals den Status der traumatisierten Menschen besprochen und eine Sonderregelung darüber getroffen. Dieses hat lange auf sich warten lassen. Für die Betroffenen war es stets mit vielen Ängsten verbunden und hatte damit retraumatisierende Wirkung. Das hat die Arbeit der Therapeuten zum Teil stark behindert. Erst wenn die Endscheidung umgesetzt wird, kann für die Betroffenen die Stabilisierung beginnen.
Der Umgang mit dem neuen Krieg in Europa und den Kriegsflüchtlingen aus Südosteuropa wirft die Frage auf, ob in Deutschland doch immer noch ein grosses Bedürfnis vorhanden ist, die eigenen Traumata aus dem 2. Weltkrieg, zu bearbeiten. Auch wenn viele Menschen über ihre persönlichen Flucht-, Front- oder Bombardierungserlebnisse gesprochen haben, scheinen sie es nicht verarbeiten zu können, solange der Vorwurf der Kollektivschuld erhoben wird. Sich schuldig fühlende Menschen können kein Verständnis für Gewaltopfer entwickeln, solange andere kein Verständnis für sie entwickeln. Auch die nachkommenden Generationen tragen das Problem und wehren sich dagegen. In schwierigen gesellschaftlichen Situationen können einige Menschen daraus auffälliges Verhalten entwickeln, durch Übergriffe auf andere Menschen machen sie auf sich aufmerksam. Im Extremfall suchen sie ihre Identität in negativen Vorbildern aus der Geschichte. Ein Ausweg daraus kann nur darin liegen, dass die Weltöffentlichkeit auch dieses erkennt, sich damit auseinandersetzt und Modelle entwickelt, es zu verarbeiten und für die Zukunft vorzubeugen. Ein langer und mühevoller Weg, den man nicht umgehen kann, wenn eine dauerhafte wirkliche Verhinderung von Kriegen gewollt ist.
Bruno Bettelheim sagte als Überlebender des KZ Buchenwald: „Was nicht verarbeitet wird, kann nicht abgelegt werden und kehrt in den nachfolgenden Generationen zurück.“
So stellt sich auch hier die Frage, ob es im Sinne der deutschen Gesellschaft und der Menschen aus anderen Ländern, die kommen, um hier zu arbeiten, zu studieren oder um Zuflucht zu finden, wünschenswert wäre wenn:
- das Wissen um die menschliche Psyche auch in die Schulausbildung einfließt und das Schwergewicht der Allgemeinbildung von der reinen Schulung von Intellekt und Verstand verlagert wird,
- in der Ausbildung von Psychotherapeuten die Auswirkung von Kriegstraumata auf die zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen gelehrt und geforscht würden
- das Wissen der Überlebenden von Kriegen und anderen Gewaltopfern genutzt würde um neue Kriege und Gewaltübergriffe zu verhindern,
- anstelle des Verdrängens ein bewusstes Umgehen mit Angst und Trauma in allen gesellschaftlichen Schichten entstehen würde.
Die Anstrengung würde sich lohnen, wenn daraus mehr Verständnis jedes einzelnen für sich selbst, für die Vorgänge in der eigenen Familie und in der breiteren Gesellschaft entwickelt würde. Damit könnten konstruktive und greifbare Präventivmaßnahmen, ohne Einsatz von Waffen, gegen Gewalt und Kriege geschaffen werden. Ein lohnendes Ziel.
Bosiljka Schedlich
Geschäftsleitung