südost Europa Kultur e.V.

Der Rosenverkäufer

Mitte der achtziger Jahre traf ich meine Freundin Sabine häufig in einem griechischen Lokal am Savigny-Platz in Berlin. Regelmäßig tauchte dort auch ein der ersten Rosenverkäufer auf, Ivan Kostic. Er war anders als die anderen Verkäufer. Die Rosen trug er nicht von Tisch zu Tisch, er warf das Bündel lässig auf irgendeinen Tisch, auf einen anderen warf er den schwarzen Hut. Er zog stolz um den runden Bauch die Jacke nach vorne, zwirbelte die Enden seines Schnurrbartes nach oben, klatschte in die Hände, pfiff, sang und tanzte.

Alle Köpfe drehten sich nach ihm, alle Hände beklatschten seine Künste. Wenn er fertig war, setze er den Hut auf, nahm die Rosen und wollte gehen. Abei Gäste riefen: „Ivan ich will eine Rose!“ „Sing weiter, Ivan, tanze!“. „Bleibe, trink mit uns!“ Und sie kauften Rosen, auch wenn ihre Köpfe hingen.

Meine Freundin und ich bemerkten, dass Ivan plötzlich nicht mehr kam. „Er hat sicher das Revier gewechselt oder wurde von tamilischen Rosenverkäufern verdrängt“, dachten wir.

Eines Tages ging ich in die Jugoslawische Militärmission (so hieß die Konsularvertretung) in der Taubertstrasse im Grunewald, um Pässe für jugoslawische Kinder zu besorgen, die im Kinderheim wohnten. Als ich durch den Warteraum lief, rief Marija: „Schwester Bosiljka, hilf mir. Sag denen da drinnen, sie sollen mir doch Ivans Pass geben.“ Marija weinte, wirkte verzweifelt und war in schwarz gekleidet. So erfuhr ich, daß Ivan tot war.

Ich fragte die Angestellte, was es mit Ivans Pass auf sich hätte. „Ach, sie soll nach Hause gehen und sich um ihre Kinder kümmern“, sagte sie und erzählte, dass Ivan am Kurfürstendamm von einem Auto überfahren wurde. „Für seine Beerdigung hat die Familie vierzigtausend Mark ausgegeben. Jetzt will seine Frau ihn aus dem Grab holen und nach Jugoslawien überführen. Das würde zehntausend Mark kosten.“ Der Pass sei vernichtet, diesen Unsinn wolle sie nicht unterstützen.

Ich bekam die Pässe für die Kinder und bot Marija an, sie nach Kreuzberg, nach Hause zu fahren. Unterwegs erzählte sie, dass viele Menschen Geld gespendet hatten, weil alle Ivan liebten und ihn sehr schätzten. Er war einer der wenigen Roma, die auf der Schreibmaschine deutsch schreiben konnten. Er schrieb Bitten, Eingaben und Anträge für alle, besonders für Roma aus seinem Dorf Suvaja in Südserbien. In schwierigen Fällen trug er die Schriftstücke persönlich in die Amtsstuben. Er blieb eine Weile in dem Zimmer und kam stets strahlend, seinen Bart zupfend heraus. Niemand konnte seinem Charme widerstehen.

Alle wollten Ivan in seiner Tradition, in regelmäßigen Abständen, nach sieben, dann nach vierzig Tagen, an seinem Grab besuchen und dort mit ihm feiern. Für viele wäre es unmöglich, die Arbeit oder die Schule zu verlassen und so häufig nach Jugoslawien zu fahren. So wurde beschlossen, Ivan in Berlin zu begraben. Eine besondere Beerdigung sollte es werden. So wurde ein Fiaker mit acht weißen Pferden angemietet. Ein neunköpfiges Geigenorchester wurde bestellt, das um den Sarg stehend Zigeunerlieder spielte und Ivan über den Kurfürstendamm zum Friedhof in Wilmersdorf begleitete.

Nach einigen Tagen kam plötzlich in der Nacht Ivan zu Marija. Er beschimpfte sie und verlangte, ihn sofort aus dem Grab zu holen und nach Hause, nach Suvaja, zu bringen. Er warf ihr vor, ihn nicht wie zu Hause üblich, liegend in die Erde gelegt, sondern Platz sparend auf den Kopf gestellt zu haben. Vergebens versuchte Marija ihn zu beruhigen. Er kam jede Nacht und berichtete wütend und verzweifelt, die deutschen Toten wollen ihn, Ausländer, nicht auf ihrem Friedhof haben. So beschloss Marija seinem Wunsch nachzugeben. Sie sammelte das Geld, um ihn auszugraben und nach Suvaja zu bringen. Aber die Militärmission weigerte sich, den Pass auszuhändigen.

Wir waren vor Marijas Haus angekommen.

Einen Monat hörte ich nichts von ihr. Dann besuchte mich in eigener Sache Marijas Freundin Cvijeta. Auf Nachfragen erzählte sie, Ivan sei einen Monat nicht mehr bei Marija gewesen. Sie hatte sich beruhigt und geglaubt, Ivan hätte sich mit den anderen Toten doch ausgesöhnt oder sie hassten die ausländischen Toten nicht mehr. Aber in der vorherigen Nacht sei er nun doch wieder gekommen. Er hat erzählt, dass er sich vor einem Monat alleine auf den Weg nach Jugoslavien gemacht hätte. Er sei gelaufen und wäre ohne Schwierigkeiten bis zur jugoslawischen Grenze gekommen. Dort sei dann das Schlimmste passiert. Die jugoslawischen Toten hätten sich auch verändert und seien schlimmer als die deutschen. Ohne Pass hätten sie ihn, einen Roma, nicht in das Land hineinlassen wollen. So flehte er erneut Marija an, doch einen Weg zu finden, den Pass zu besorgen und ihn zu retten.

Kurz darauf wurde Marija sehr krank. Sie lag nur zehn Tage im Krankenhaus und verstarb.

Für Joachim Henkel zum Geburtstag am 7. Dezember 2000 mit besten Wünschen

Bosiljka Schedlich

Geschäftsleitung